Chronik
Kurzfassung unserer über 900 Seiten umfassenden,
von Charly Müller verfaßten, handgeschriebenen Chronik.
Der nachfolgende Ausschnitt umfasst die Zeit von 1897 bis 1987.
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        Die ”Altschützen Vaterstetten” verdanken Ihre Entstehung einer reinen Stammtischgesellschaft.
Sie nannte sich die ”Grübigen Vaterstettener” und war sogar ein eingetragener Verein.
1897 faßten die ortsansässigen ”Grübigen” wie Stelzl Josef, Plötz Michael, Greißner Hans,
Grüner, Stelzl Simon und die auswärtigen wie Eggen Fritz, Wasner Sepp und Haage Willi in der
ehemaligen Zehetmaier-Wirtschaft gegenüber der alten Dorfkrche den Beschluß, einen Schützenverein zu gründen. Mit den Statuten nahm man es damals noch nicht so genau. Diese wurden im Jahre 1900 handschriftlich erstellt.
Das Schriftstück hüten die Altschützen als Kleinod und ältesten, mittlerweile historischen Schatz.
In § 1 fand die Entwicklung aus den ”Grübigen Vaterstettenern” ihren Niederschlag.
Er lautete: ”Zweck des Vereins ist Eintracht und gesellige Unterhaltung der Vereinsmitglieder verbunden mit
Zimmerstutzenschießen”. ie Pflege der Geselligkeit zieht sich seither wie ein roter Faden durch die Vereinsgeschichte.
Einziges Gewehr war hingegen auf Jahre hinaus, ja sogar bis in die zwanziger Jahre, ein Zimmerstutzen.
1920 zogen die ”Altschützen” in die Bahnhofsgaststätte zum Kirchlechner Hans um (heute Minimal-Markt).
Bald darauf etablierte sich in der Zehetmaier-Wirtschaft ein zweiter Schützenverein.
Sie nannten sich ”Immergrün”, bestanden aber nur wenige Jahre.
        Den ”Altschützen” fehlte die Jugend und der Altersdurchschnitt war schon ziemlich hoch.
So flaute der Schießsport laufend ab und man ging immer mehr zum Schafkopfen über.
Doch am 16. Mai 1923 packte man es wieder und bildete folgenden Ausschuß:
Erster Schützenmeister Greißer Hans, Zweiter Schützenmeister Böhm Alois, Kassier Weiß Franz,
Schriftführer Stolz Wilhelm und Zeugwart Eggen Fritz. Der Monatsbeitrag wurde auf 50 Pfennig festgelegt.
Weitere junge Schützen wie Stelzl Hans und Jakob, Schnugg Toni und Pöltl Michael traten dem Verein bei,
so daß er einen wahren Aufschwung nahm. Er hatte nun ca. 20-25 Mitglieder.
Da sagte Greißer Hans: ”So geht’s nimma weita, mia brauchn an zwoatn Stutzn”.
Es wurde also ein zweiter Zimmerstutzen gekauft, so daß man einen Neuner- und einen Elfer-Stutzen zur Verfügung hatte.
Der Elfer-Stutzen wurde für das Ringschießen verwendet und der Neuner-Stutzen zum Blattl-Schießen.
Aber der Schießsport nahm immer größere Ausmaße an und so reichten auch bald die beiden Zimmerstutzen nicht mehr aus.
Deshalb kaufte sich Schnugg Toni selbst ein Gewehr und bald hatte auch Böhm Alois einen eigenen Stutzen.
Ein solcher kostete damals 40 bis 50 RM. Der Stolz war natürlich riesig,
als man am Samstag mit einem eigenen Gewehr zum Schießen gehen konnte. Es liegt auf der Hand,
daß auch die Schießleistungen in die Höhe schnellten. Außer den regulären Schießabenden gab es ein Anfangsschießen,
ein Endschießen, ein Königsschießen und das Sektionsschießen. Es wurde damals auch sehr viel gesungen und Gaudi gemacht,
was seinen Höhepunkt bei den Jahresfesten erreichte: Christbaumfeier, Sylvesterball und Faschingsball am Rosenmontag.
        1925 war ein Gauschießen in Vaterstetten und die Löwenbrauerei hatte ein großes Festzelt aufgestellt.
Damals gehörten die ”Altschützen” noch zum Gau Ebersberg. Aber es gefiel ihnen in diesem Gau nicht besonders
und sie schielten immer zur benachbarten Sektion München Ost-Land hinüber, wo es viel zünftiger zuging:
Noch im selben Jahr wechselten sie dorthin.
1926 war Fahnenweihe in Zorneding, und da der Schützenwirt Kirchlechner aus Zorneding stammte,
wählte man die ”Altschützen” zum Patenverein. Sie sagten zu, obwohl sie selbst noch keine Fahne hatten,
sondern nur eine Holztafel. Aber da zeigte sich, was der Münchner Sektionsschützenmeister von seinen neuen Schützlingen hielt:
Am Festtag kam mit dem Zug in Zorneding die Sektionsfahne samt Fahnenjunker an, um die Vaterstettener zu begleiten.
        Es dauerte nicht mehr lange, da sagte Greißer Hans: ”A Fahna muaß her, es geht nimma ohne Fahna!”
Stolz, ein großer Gönner des Vereins antwortete: ”Laß doch den Auer” - Besitzer einer Fahnenstickerei in München - ”einmal rauskommen,
dann schauen wir einmal, was so eine Fahne kostet.” Alsbald stellte Auer drei Vorlagen vor.
Als Stolz erfuhr, daß die gewünschte Fahne fast 1000 RM kosten sollte, fing er an zu toben,
wer denn das bezahlen solle. Grebe - der nicht viel sagte, aber was er sagte, hatte Hand und Fuß -
entgegnete lediglich: ”De do hintn weads und sunst koa andere!” Und er zeigte auf das Muster, das allen am besten gefiel:
mit einem Hirsch als Motiv. Man einigte sich dann auch tatsächlich auf diese Fahne, die seitdem die ”Altschützen”
stolz ihr eigen nennen. Um nun die Fahne bezahlen zu können, wurden ”Bausteine” verkauft. Das waren Zettel zu 10 RM,
die beim Verein wieder hätten eingelöst werden können, sobald dieser wieder flüssig geworden wäre. Dazu kam es allerdings nie mehr.
        Nun rückte die Fahnenweihe immer näher und im Mai 1927 sollte es dann soweit sein.
Das war ein riesiges Ereignis für die damalige Zeit.
Der Verein hatte mittlerweile 47 Mitglieder und natürlich wurde jede Hand gebraucht,
um das Gelingen zu garantieren. Aber auch die übrige Bevölkerung half damals noch mit.
Bis dahin hatten die Schützen keine einheitliche Kleidung, der eine hatte eine Tiroler Jacke,
der andere eine graue Jacke, wieder andere nur eine Lederhose. Aber zur Fahnenweihe sollte das anders werden.
Es wurde eine einheitliche Jacke und ein Hut mit Adlerfeder gewünscht.
Der Schneider Egger von Parsdorf und der Lechner von Grasbrunn wurden mit der Arbeit beauftragt.
        Glücklicherweise wurden die Uniformen noch so rechtzeitig fertig,
daß der Verein bereits einheitlich bei der Fahnenweihe der ”Römerschützen” in Schwabing erscheinen konnte und
einen Mordseindruck hinterließ. Man hatte die Einladung dorthin angenommen,
damit man sah, wie so etwas abläuft. Als die ”Römerschützen” erfuhren, daß auch die ”Altschützen” eine Fahnenweihe hätten,
sagten sie spontan: ” Ja, ihr seid’s so zünftige Leit, da san mia drauß’n!”
Am Festtag selbst war dann der ganze Ort dekoriert und die Löwenbrauerei hatte ein Festzelt für
1000 Personen in dem Eck zwischen Zugspitzstraße, Bahnhofstraße und Bahnhof aufgestellt.
In der Frühe regnete es, was vom Himmel fallen konnte.
Als die Festkapelle Gnehr von Kirchseeon um 6 Uhr morgens mit dem Pferdegespann zum Wecken im Ort herumfuhr,
hatten die Musiker alle Hände voll zu tun, um neben dem Musizieren auch noch die Schirme zu halten.
        Als um 8 Uhr der Zug mit den Haarern als Patenverein, den Gronsdorfern, Truderingern und vielen anderen eintraf,
hörte der Regen auf, die Leute schlossen die Schirme und die Sonne schien den lieben langen Tag.
Man versammelte sich in der Bahnhofsgaststätte bis zum Aufmarsch um 10 Uhr.
Frau Maria Hartl als Fahnenmutter und die Fahnenbraut Emma Stolz fuhren in einer Chaise und in der
anderen saßen die Jungfrauen wie Helene Vilsmeier, Maria Maas und die Plötz- und Völkl-Töchter.
Von der Bahnhofsgaststätte gings zum Reitsberger und von da zum alten Schulhof nördlich des Parsdorfer Weges / Ecke Dorfstraße.
Verwunderung erregten dort ca. 40 fremde Männer im schwarzen Anzug.
Das Geheimnis klärte sich rasch auf, als Vilsmeier, ein Mitglied der ”Altschützen” und zugleich Mitglied des
Gesangsvereins ”Die Wilden” vom Turnverein Jahn, zu diesen fremden Männern ging und zu dirigieren begann.
Das war eine Riesenüberraschung. Und als sie bei der Feldmesse ”Die Ehre Gottes” sangen, waren viele so ergriffen,
daß sie feuchte Augen hatten.
Im Vereinsalltag hielt man auf gute Ordnung. Keiner schwänzte die Schützenabende.
Um 18 Uhr saßen bereits die Älteren im Schützenlokal und um 19.30 Uhr gings dann auf,
da kam die Jugend. Jeder mußte 5 Schuß machen. Wenn man bedenkt,
daß damals jeder Schuß auf 10 Pfennig kam (eine Maß Bier kostete 50 Pfennig),
kann man verstehen, daß kein Schuß unnütz verpulvert wurde.
Aber immer gab’s eine Gaudi und es wurde viel gesungen und auch Theater gespielt. Hauptakteure waren Schnugg,
die beiden Eggen und Stelzl. Schnugg besorgte selbstlos Kleider und alles Mögliche zum Theaterspielen.
Aufgeführt wurden hauptsächlich Wilderergeschichten, Stücke von Ludwig Thoma oder, wenn es traf, Weihnachtsspiele.
Auch bei den gewöhnlichen Schützenabenden fiel immer mindestens einem von den Theaterspielern ein Stück ein.
Wenn es abends gar zu spät wurde, schritt der Wirt ein. Er riß die Fenster und Türen auf, bis es den Anwesenden zu kalt wurde.
Es wurde ja nur im Winter und nicht im Sommer geschossen. So kam Kirchlechner zu dem Beinamen ”Lüftenwirt”.
Beim Sektionsschießen 1932 in Unterhaching hatte schon fast alles geschossen, nur der Stelzl Hans und der Greißer Paul noch nicht.
So fuhren sie mit dem Zug noch hinüber und hatten prompt Glück.
Stelzl erhielt für sein Blattl auf der Festscheibe einen großen Korb voll Blumen und Greißer einen lebendigen Rehbock.
Bis sie der Wirt Kirchlechner mit seinem Pritschenwagen abholen konnte,
hatte der Rehbock vor lauter Aufregung fast die ganzen Blumen gefressen. Als sie dann zu Hause ankamen,
wurde sogar der Rehbock mit in die Wirtschaft gezerrt. Greißer hatte dann seinen Festpreis nur noch kurze Zeit im Garten,
bis er das Weite suchte.
        Der Schützenfestzug auf dem Oktoberfest war das Jahresereignis.
Früh traf man sich schon beim Kirchlechner. Am Bahnhof stand eine alte Eiche, von der holte man sich gewöhnlich einige Zweige und
steckte sie zu der Feder auf den Hut, bevor man in den Zug nach München einstieg.
Treffpunkt der Sektion war der Gasthof Kroise am Ostbahnhof. Um 10 Uhr folgte dann die Aufstellung vor der Wirtschaft.
So war es auch 1932. Nur stand damals auf der anderen Seite ein Viehwagen mit einer Plane überspannt.
Der Schwanz einer Kuh hing über das Bordbrett aus dem Wagen. Als die Schützen diesen Viehwagen gewahr wurden,
gab schon ein Wort das andere. Auf einmal läuft der Schnugg Toni auf den Viehwagen zu,
packt den Kuhschwanz, wedelt mit dem Schwanz und ruft den Schützen zu:
”Paßt’s auf, jetzt werd’s fotografiert.” Aber da ging der Schuß buchstäblich nach hinten los.
Durch die Schwanzbewegungen wurde der Kuh plötzlich was Größeres not und dem Toni rann die grüne Brühe vom Hut hinab
ins Genick und über die Jacke.
        Die Machtübernahme 1933 machte sich auch bei den Schützen bemerkbar.
Sogar der Name des Bayerischen Zimmerstutzenverbandes wurde geändert.
Das Vereinsleben ging zwar weiter, aber es war nicht mehr so wie vorher.
1935 fand das Sektionsschießen im Schneiderhof in Gronsdorf statt, 1936 in Dornach und 1937 beim Schreiber in Aschheim.
Die Ergebnisse der fünf besten Schützen wurden von der Mannschaft erst am letzten Tag und da im allerletzten Moment abgeliefert,
damit der Gegner nicht Einblick in die Ergebnisse bekommen konnte; er hätte dann Nachkaufen und ein besseres Ergebnis erzielen können.
So auch in Aschheim. Vier ”Altschützen” schossen,
gingen dann zum Schäfflerwirt und versäumten vor lauter Gaudi und lauter ”knapp-vor-dem-letzten-Zeitpunkt-Abliefern” den Abgabetermin.
Trotzdem hob sie der Sektionsschützenmeister noch hervor, da sie das drittbeste Ergebnis der Sektion erzielt hatten.
Zum Trost bekamen sie eine Schützenkette aus Kartoffeln.
        Dann kam der Krieg und das Schießen wurde bitterer Ernst. Nach Kriegsende unterband zunächst das totale Vereinsverbot
der alliierten Siegermächte für Vereine und Gesellschaften, insbesondere für alle Schützengesellschaften,
jede offene Vereinstätigkeit. Nur zwanglose Zusammenkünfte in der Bahnhofsgaststätte Vaterstetten hielten den Zerfall der
Gesellschaft auf. Im Laufe der Zeit lockerte die amerikanische Besatzungsmacht die Vereinsverbote, so daß man allmählich
wieder neu beginnen konnte.
        Im Jahre 1951 ließ der einstige 1. Schützenmeister Alois Böhm und weitere ehemalige ”Altschützen” den Verein neu entstehen.
Sie wählten Alois Böhm wieder zum 1. Schützenmeister. Zaghaft und von den Behörden mit viel Argwohn betrachtet,
gewann der Verein allmählich wieder an Bedeutung und Selbstbewußtsein. Es gab wieder Schützenbälle und am Sonntag,
den 20. Oktober 1957, feierte man gleich ein dreifaches Jubiläum: Das 60-jährige Gründungsfest des Vereins in Verbindung
mit der dreißigsten Wiederkehr der Fahnenweihe, die am 27.5.1927 stattgefunden hatte und die dreißigjährige Zugehörigkeit
des Vereins zum Sektionsverband München Ost-Land des Bayerischen Sportschützenbundes. Eine besonder Ehrung erfuhren hierbei Jakob Stelzl,
der seit 30 Jahren die Vereinsfahne trug, und Alois Böhm, der ebenfalls 30 Jahre das Amt des 1. Schützenmeisters inne hatte.
Aus heutiger Sicht vergingen damals die Schützenjahre relativ problemlos, wenn man bedenkt, daß sich nur einmal, am 22. Oktober 1960,
die Gemüter erhitzten, als bei der Jahresversammlung der Schießabend von Samstag auf Freitag verlegt wurde.
Aber 1963 brach ein ernsteres Problem über den Verein her.
Richter, der damalige Pächter der Bahnhofsgaststätte hatte den Saal an eine Filmgesellschaft vermietet.
Damit wurde der Schießbetrieb auf ein Minimum reduziert.
Die Katastrophe war perfekt, als am 3. Mai 1964 das Ultimatum des Wirts an Alois Böhm ablief:
Wegen Umbau des Saales mußten sämtliche Schützenrequisiten aus dem Lokal entfernt werden.
Der Verein hatte nun keine Schießmöglichkeit mehr und das gesamte Gerät wurde bei Böhm auf dem Speicher hinterlegt.
        Im Laufe des Jahres waren eine Reihe von Jungschützen aus dem Verein ausgetreten.
Unter der Führung von Wendelin Herz gründeten sie am 22.9.1964 einen neuen Schützenverein -
die ”Sportschützen” Vaterstetten. Ihren Schießstand bauten sie dann neben dem Saal der Bahnhofsgaststätte.
        Die ”Altschützen” aber etablierten sich in Gerrers neu gebauter Kegelbahn gegenüber dem Dorfkirchlein und
die Schützenabende wurden wieder auf Samstag festgelegt. Nun konnten die ”Altschützen” wieder an den Rundenwettkämpfen teilnehmen.
Und schon am 21. Januar 1966 war ein Lokalderby gegen die ”Sportschützen Vaterstetten”
in der Kegelbahn beim Gerrer angesetzt und wurde mit 1.223 zu 1.191 Ringen für die ”Sportschützen” entschieden.
Die Königsfeier vom 18. Mai 1968 mußte verschoben werden, da der noch amtierende Schützenkönig Alois Böhm am 16. Mai im 74.
Lebensjahr gestorben war. Über 50 Jahre war er Mitglied des Vereins und davon 44 Jahre 1. Schützenmeister.
        Allmählich hörte man den Namen Linner im Verein immer öfter und bereits im Frühjahr 1970 waren bei ihm zu Hause mehrere
Festausschußsitzungen, denn das 40. Sektionsschießen, verbunden mit dem Alois Böhm Gedächtnisschießen,
sowie der Weihe der renovierten Fahne warfen ihre Schatten voraus.
Am 22. Mai führte der Schirmherr 1. Bürgermeister Franz Hollweg unter Anwesenheit der gesamten
Sektionsvorstandschaft den ersten Schuß aus. Bis zum Sonntag, den 31. Mai, waren 562 Schützen gekommen.
Dies war neuer Rekord. Um 22 Uhr drehte 1. Sektionsschützenmeister Josef Schmuck den Schützen einfach das Licht aus.
Dies war gleichzeitig das Ende dieses Sektionsschießens.
        Obwohl der bunte Abend am Freitag und der Heimatabend am Samstag für einige schon sehr anstrengend war,
krochen dann doch alle am 21. Juni beim Weckruf um 6 Uhr aus den Federn, zumal Köstler Rudi die Zornedinger Blasmusik
in die verschiedensten Teile Vaterstettens fuhr, damit ja keiner überhörte, wo die Musik spielte.
Pfarrer Böhm weihte nach dem feierlichen Feldgottesdienst auf der ehemaligen Lindmeier-Wiese bei strahlendem Sonnenschein die herrliche,
renovierte Fahne.
        Nachdem Peter Linner die Hauptlast der Organisation dieser Festivitäten getragen hatte,
konnte er nicht umhin, daß er bei den Vorstandswahlen am 23. Oktober zum 1. Schützenmeister gewählt wurde.
        Schon ein Jahr später erreichte die Schützen wieder ein Tiefpunkt.
Gerrers Kegelbahn, in der die Schießstände des Vereins untergebracht waren,
wurden umgebaut, und so mußten die Schützen wieder ausziehen. Sie fanden eine neue Bleibe in der Bahnhofsgaststätte,
da die ”Sportschützen” ihnen ihre Stände mitbenutzen ließen.
        Allmählich aber war tatsächlich ”Feuer auf dem Dach”, denn auch die Bahnhofsgaststätte sollte abgerissen werden.
Verschiedene Anläufe bei der Gemeindeverwaltung, über die Benutzung leerstehender Räume, blieb erfolglos.
Einen letzten Strohhalm bildete der Rosenhof in Baldham, in dessen Kellerräumen man mehr als notdürftig untergebracht war.
Wenn dem Wirt die Getränke ausgingen, mußte der Schießbetrieb unterbrochen werden, damit er zu seiner Kühlung gelangte.
Da sich mittlerweile aber auch die Sportschützen quasi auf der Straße befanden, wollte man enger zusammenrücken,
um die existenzbedrohenden Probleme gemeinsam meistern zu können. Der Ruf nach einer Fusion Altschützen -
Sportschützen wurde damit immer intensiver. Mit Wirkung vom 15. April 1976 fand dann die Zweckhochzeit statt.
Linner hatte bereits seine Fühler nach Aschheim ausgestreckt, wo man künftig, dank seiner guten Beziehungen,
den Schießbetrieb wieder aufnehmen konnte. Das Schießen in der ”Diaspora” hielt aber die Schützen nicht davon ab,
zu Hause gebührend den 80. Geburtstag zu feiern. Zusammen mit dem Krieger- und Soldatenverein,
der gleichzeitig sein 50. Jubiläum feierte, wurde in der neuen Ziegeltrumhalle
ab 15. Juli 1977 eine dreitägige Jubiläumsfeier abgehalten.
        Inzwischen hatte sich der Schlosser Johann Ach bereit erklärt, den Keller unter seiner Werkstatt dem Verein zur Verfügung zu stellen.
Kaum hatte man sich also von den Jubiläumsfesten erholt, ging es mit Volldampf an die Umbauarbeiten in den drei Kellerräumen.
Am Samstag, den 15. Oktober 1977, war es dann soweit. In den Katakomben der Schlosserei Ach konnte eine Reihe von Ehrengästen
ihre Schüsse in der neuen Anlage abgeben. Peter Linner gab bei seiner Ansprache bekannt,
daß für dieses Heim 749 Arbeitsstunden aufgewendet wurden. In dem geschichtlichen Rückblick über den damals 80-jährigen
Verein hob er hervor, daß der Verein seit 1970 wieder beim Schützenzug auf dem Oktoberfest teilnahm.
Der damalige Fahnenjunker Sepp Riedl schwang 1977 beim Wieseneinzug die Fahne mit solcher Energie,
daß der massive Fahnenschaft in seinen Händen zerbrach.
        Auch eine andere Tradition sollte wiederbelebt werden. Faschingsdienstag,
den 7. Februar 1978 wurde der Fasching wieder wie ganz früher eingegraben.
Auch der ”Hochwürden” Hans Stelzl war der gleiche Zeremonienmeister, der schon vor Jahrzehnten die Lachmuskeln der ”Gläubigen”
strapaziet hatte. Den Schützenausflug nach Tamsweg am 26. und 27. Mai 1979 wird keiner der damals Beteiligten vergessen.
Nicht nur das weltberühmte Preber-Schießen, sondern auch das ganze Drumherum war allererste Sahne.
        Bei dem Schießen am Prebersee schoß man von der primitiven Schießanlage am Seeufer auf die im See spiegelnden Zielscheiben
des gegenüber liegenden Ufers. Der vom Spiegelbild abprallende Schuß traf dann auch entsprechend die echte Zielscheibe.
        Da mittlerweile auch die Römerschützen aus Baldham mangels geeigneter Schießanlagen ”am Tropf hingen”
fand zum 1.1.1980 die Fusion mit dem Baldhamer Verein statt. Als sich die Münchner ”Römerschützen” nach dem 2.
Weltkrieg aufgelöst hatten, sagten sie zu den Baldhamer Schützen: ”Wenn ihr Euch Römerschützen nennt,
bekommt ihr unsere Fahne”. Nun befindet sich diese alte Fahne im Besitz der ”Altschützen”,
zu deren Fahnenweihe sie 1927 geladen worden sind.
        Da ja die Herberge beim Ach ebenfalls nur ein Provisorium war, war man permanent auf der Suche nach einer endgültigen Bleibe.
Die damalige Zusammenarbeit mit der Gemeinde verlief nicht mit dem gewünschten Erfolg,
so daß zum Beispiel auch eine Unterbringung im neu errichteten Sportstadion scheiterte. Da Helene Böhm,
die Gattin des langjährigen 1. Schützenmeisters, dem Verein ein Grundstück geschenkt hatte, reifte der Gedanke,
ein eigenes Schützenheim zu erstellen.
        Und zur Weihnachtsfeier erhielt Peter Linner vom Nikolaus Alfred Böhm gleich die ersten wichtigen Geschenke:
eine Schubkarre mit Schutzhelm, Kelle, Wasserwaage und natürlich ein Tragerl ”Maurerbenzin”.
Am 10. November 1981 löste Franz Thalmeier die gemeindeweit hörbare Hochleistungssirene aus.
Dies war der Baubeginn des Schützenheims. Thalmeier hatte begonnen, auf dem Baugelände des künftigen Schützenheimes
den Humus abzuschieben. Schon nach den ersten Quadratmetern hatte er das Kabel der Hochleistungssirene abgerissen.
Am Frühlingsanfang, den 20. März 1982 fand dann die Grundsteinlegung für das Schützenheim unter heftigem Schneegestöber statt.
Das Startkapital war nicht gerade überwältigend: 5 Schaufeln, 2 Pickel, 2 Schubkarren, 1 Schutzhelm, 1 gebrauchte Mischmaschine zu 50 DM,
sowie 42.000 DM.
        Der erste Arbeitstag auf der Baustelle war dann am 16. April und schlug sich in der Presse folgendermaßen nieder:
”Ameisenhaufen - das neue Schützenheim Vaterstetten: Jung und Alt packt mit an - Schnellkursus für Maurer -
Damen versorgen die Schwerarbeiter mit der nötigen Brotzeit.”
        Ja, man hatte tatsächlich den Eindruck, daß man sich auf einer Großbaustelle im alten Ägypten befindet.
Kein Baukran zierte anfangs die Baustelle. Nur mit Rutschen, Muskelkraft und eiserner Energie wuchs das Gebäude aus dem riesigen Loch.
An manchen Samstagen wurden sogar über 300 Arbeitsstunden geleistet.
        Am 23. Oktober um 15 Uhr war es dann soweit: Das Ereignis, auf das sich die Bauarbeiter schon seit Baubeginn gefreut hatten.
Je mehr Wochenenden auf der Baustelle verbracht und das Familienleben drastisch reduziert wurde,
um so mehr sehnte man sich nach diesem Tag, die Hebweihfeier, herbei.
Am 5. und 6. November wurde das Dach eingedeckt und der Bau ringsum winterdicht verschlossen.
Man konnte nun Energie für den Innenausbau sammeln.
        Eine ganz besonders zünftige Königsfeier war, als am 17. März 1983 der Linner Traudl die schwere Schützenkette umgehängt wurde.
Eine ”Quetsch’n” heizte die Stimmung noch mehr auf.
Aber dem Böhm Alfred war auch das noch zu wenig: ”Jetzt brauch ma no a paar G’stanzl.” sagte er und schon gings los bis in
die frühen Morgenstunden.
        Die Winterruhe für die Baustelle war am 19. März vorüber. Jetzt wurden die Wochenenden wieder am Bau und nicht mehr
bei der Familie verbracht. Nach fast zwei Jahren Bauzeit konnten dann die Schützen am 10. Dezember den
Nikolaus das erste Mal in ihr Schützenheim zur Weihnachtsfeier einladen.
Am 18. Februar 1984 war die Einweihungsfeier, während die Eröffnungsfeier dann stattfinden sollte,
wenn auch die Kellerräume fertiggestellt sind. Aufgrund der salbungsvollen Ansprachen bei dieser Feier
reagierte die Presse mit einer halben Titelseite zu diesem Thema.
Vom ”Vaterstettener Modell” und daß der Fleiß der Mitglieder eine Million wert sei, wurde geschrieben.
        Endlich kam der Tag, den sich alle am Bau Beteiligten sehnlichst herbeigewünscht hatten, die Eröffnungsfeier am 8. November 1986.
Insgesamt wurden von den Mitgliedern 17.776 freiwillige Arbeitsstunden geleistet.
Hiervon stammen allein schon 1.400 aufgeschriebene Stunden vom 1. Schützenmeister Peter Linner.
Keine Feder konnte jedoch die Fülle von Zeit notieren, die der Schützenmeister für Gespräche mit Behörden, Baufirmen,
Handwerkern und dergleichen führte, um den Bau möglichst effizient und kostengünstig voranzutreiben.
Es darf aber bei dieser Gelegenheit durchaus angemerkt werden, daß seine ganze Familie und seine Firma durch den
Schützenheimbau erheblich belastet waren.
Da sich Senior und Junior überwiegend auf der Baustelle befanden, mußten Gattin Traudl und Tochter Renate die Firma auf dem
Laufenden halten. Darüber hinaus sorgten die Damen aber noch zusätzlich unter anderem für das leibliche Wohl auf der Baustelle.
Und gerade Traudls Schweinebraten war auf der Baustelle so beliebt.
        Weil man schon so schön im Schwung war fand das 57. Sektionsschießen der Sektion München Ost-Land von 2. Mai bis 16. Mai 1987 in
den neuen Räumen der ”Altschützen” statt. 1.467 Schützen, so viele wie nie zuvor, trafen sich hier zum sportlichen Wettkampf.
Man ließ auch die Vereinsfahne der ehemaligen ”Römerschützen” renovieren, damit Sie zum 90. Jubiläum der ”Altschützen” neu erstrahlen
konnte. Auch die Sektionsjahresversammlung fand in diesem Jahr am 9. November im Altschütz statt. Ein dickes Lob
ernteten die ”Altschützen” hierbei für die Organisation des Sektionsschießens.
Besonders imponierte auch der außergewöhnlich lange Festzug anläßlich der Schlußfeier.
Dies war ein Verdienst eines Mannes, der seit über 16 Jahren das Amt des 2. Sektionsschützenmeisters bekleidete
und nun seine vielen ”Schanzerl” etwas reduzieren wollte. Peter Linner sen. trat als 2. Sektionsschützenmeister zurück.
Für seine hervorragenden Verdienste wurde er als Ehrenmitglied der Sektion ausgezeichnet.
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